Zeichen der Corona-Zeiten


"Krisen können uns entweder brechen oder stärken" sagt man. Wie sehr sind wir als Christinnen und Christen angerufen, auf Zeiten wie diese zu reagieren?


Christliche Sozialethik beginnt mit der Wahrnehmung der Welt. Am Anfang steht das Hinsehen, das Beobachten und sich berühren lassen als Inspiration für neues Handeln. Nicht zufällig ist das Hinsehen der erste Schritt im bekannten Dreischritt "Sehen-Urteilen-Handeln", der die Katholische Soziallehre prägt und aus der Katholischen Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung stammt.

Ein Begriff, den Papst Johannes XXIII im II. Vatikanischen Konzil prägt, kommt uns hier in den Sinn: Die Zeichen der Zeit. Es ist die Wahrnehmung von Dingen und Entwicklungen in der Welt, die uns besonders bewegen und zum Handeln anregen. Kein Aktivismus wurde gefordert, aber die Kunst, diese Zeichen zu erkennen und in ihnen den Anruf Gottes zu sehen.

Sehen ist darum auch der Anfang, wenn wir uns fragen, was wir aus dieser Krise lernen wollen und wozu sie uns ruft. Dies heisst: Wahrnehmen, was passiert – und dies nützen als Grundlage für den Aufbau einer besseren Welt für Morgen.

Zu Hause

Was nehmen wir wahr? Ob uns die Stubendecke auf den Kopf fällt, ob wir sie neu malen oder einfach nur darunter sitzen - wir alle haben sie in den letzten Wochen neu kennen gelernt.

Wir leben nun drei Wochen hier, aber zu Hause sind wir hier nicht. Wir sind in Michigan, dem Staat, der in den USA am drittstärksten von Covid19 betroffen ist. Wir unterstützen Christinas Mutter. Es ist ihr Haus, in das sie im Sommer ziehen wird, und das wir ein wenig renovieren. Nun wurde es für uns zum Ort der Selbstquarantäne, aber auch Arbeits- und Wohnort. Für wie lange? Eben kam die Nachricht, dass der gebuchte Rückflug ausfällt. Zu Hause bleiben ist eine Chance, Pause zu machen. Es gibt Zeit für Gespräche, zum Aufräumen oder um zu sich selber zu kommen. Aber das ist auch Langeweile, weil wir nicht mehr leisten müssen.

Gestern kündigte die Gouverneurin im Radio eine Hotline für häusliche Gewalt an, ein Portal, um den Kopf frei zu machen dank Hilfen zur Meditation, Hilfen für suchtkranke oder depressive Menschen und die Möglichkeit, sich online weiterzubilden. Auch gibt es, wie UNO Generalsekretär Guterrez sagte, weltweit mehr häusliche Gewalt, mehr Depressionen und Suchtverhalten. Zu Hause sein ist nicht für alle gesund. Erst recht, wenn vieles schon zu "normalen" Zeiten schwierig war.

Für die Zukunft dürfen wir uns fragen: Wie können wir uns die Zeit nehmen, bei uns selber zu bleiben? Welche geistlichen Übungen wollen wir ins Leben einbeziehen? Und wie tragen wir besser Sorge zu jenen am Rand, den Betroffenen von häuslicher Gewalt, psychisch kranken oder einsamen Menschen?

Schule

Was nehmen wir wahr? Kinder gehen zu Hause zur Schule vermissen aber ihre Lehrerin.

Bei einem Zoom-Gespräch mit 20 Personen zu "Bildung in Coronazeiten" Anfang April lernten wir, dass wer schon vorher über digitales Lernen nachgedacht hatte, wohl etwas bevorteilt war. Doch niemand hätte es vor einem halben Jahr für möglich gehalten, dass alle Schülerinnen und Schüler innert einer Woche einen Computer haben und zu Hause lernen. Lehrkräfte und Eltern staunen, wie dieses Lernen den individuellen Bedürfnissen mehr Beachtung schenkt. Lernen braucht teilweise weniger Zeit. Das Spielen wird eine wertvolle Ergänzung für das lernende Hirn. Doch Lehrpersonen und Kindern, Schülerinnen wie Studierenden fehlt auch der direkte menschliche und persönliche Kontakt.

Wir merken, dass Lernen mehr ist als Wissen sammeln und auch mehr als Schulzimmer-Arbeit. Lehrpersonen und Schule, und neben den Eltern auch die Grosseltern leisten einen riesigen Beitrag zur Erziehung der nächsten Generationen weit über die Schulstunden hinaus.

Für die Zukunft dürfen wir uns fragen: Wie können wir all jene besser einbeziehen, die einen Beitrag zur umfassenden Bildung wie auch Erziehung junger Menschen als Teil unserer Gesellschaft leisten?


Risiko Arbeit

Was nehmen wir wahr? Nicht alle können zu Hause arbeiten. Viele sind in Spitälern tätig, im öffentlichen Verkehr oder in der Auslieferung.

Vor wenigen Tagen folgten wir online einem von Lady Gaga organisierten Konzert

"Stay at home together". Weltberühmte Künstler sangen und sammelten Geld für die WHO. Alle dankten jenen, die in der Arbeit zum Wohl anderer Risiken eingehen. Paul McCartney rief dazu auf, uns jetzt dazu zu verpflichten, dass es weltweit ein Gesundheitssystem gibt, das eine solche Krise für alle gut meistern kann. Hier in Michigan sehen wir, dass überdurchschnittlich viele schwarze Menschen im Auslieferdienst tätig und einem grösseren Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind. Die Fall- und Todeszahlen sind denn auch in der schwarzen Bevölkerung in den USA um eine mehrfaches höher als in der weissen.

Die nationalen Gesundheitswesen sind enorm verschieden. Den Luxus der Schweiz kennt niemand sonst. Äthiopien hat über 100 Mio. Menschen, aber nur 54 Beatmungsgeräte für Covid19-Patienten. Auf 17'000 Personen kommt ein Arzt. Die Pandemie belastet diese Länder in kaum vorstellbarem Mass.

Für die Zukunft dürfen wir uns fragen: Wir leben, reisen und konsumieren global. Wie kann es gelingen, dass wir ein Gesundheitssystem bauen, das global funktioniert und allen Menschen Sicherheit in Not geben kann?

Zeichen der Corona-Zeit

Christinnen bezeichneten sich als "Anhängerinnen des Weges". Es heisst unterwegs sein, immer wieder aufbrechen und das "Normale" hinter sich lassen. Wir sehen, dass wir Menschen aufeinander angewiesen sind und dass es einfach ist, schnell und einmal zu helfen. Schwieriger ist es, auch dann solidarisch zu sein, wenn die Krise vorbei ist.

Wir sehen, dass Arbeit mehr ist als Geld verdienen, aber dass ohne Geld vieles nicht geht. Vielleicht liesse sich auch anders eine Grundlage legen, dass alle genug Geld zum Leben haben. Wir sehen, dass Menschen Sinn suchen und dankbar sind, wenn die Kirchen auch online präsent sind.

Diese Krise gibt uns als Christinnen die einmalige Chance den Anruf Gottes zu beantworten, ins Unvorstellbar zu denken und dann den Aufbau einer besseren Welt von Morgen in Angriff zu nehmen!

Artikel erschienen in: Pfarreiblatt Obwalden 8/2020

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