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Conversatio als Leim für eine Welt in Scherben

Der 35. Sozialtag von «ethik22», KAB Schweiz und UCS.

Am Samstag, 11. Januar, eine Woche nach der Ermordung des Iranischen Generals Soleimani und der Bombardierung amerikanischer Basen in Irak durch Iran trafen sich über 60 Personen in Pfarreizentrum Eichmatt in Goldau. Zusammen mit Gästen aus Wirtschaft, Politik und Kirche diskutierten sie, wie wir angesichts der Zersplitterung unserer Welt "Leim" sein können.

„Weltfrieden in Gefahr“, „Ausbeutung der Erde“, „Rassenkampf“, „Meinwohl vor Gemeinwohl“, „Konsum als höchstes Gut“, „Negativzins“, „Eine Welt ohne christliche Grundwerte“ oder „Vertrauensverlust gegenüber der Politik“ sind Beispiele von Scherben, die die Teilnehmenden in Politik, Wirtschaft, Kirche und Umwelt erfahren. Scherben sind mehr als der normale Wandel der Zeit. Sie sind abrupte Brüche, schnelle Veränderungen; sie verwirren häufig und folgen nicht einfachen Begründungsmustern. Viele können mit solchen Brüchen in Leben und Alltag umgehen, viele aber nicht.

Scherben in Wirtschaft, Politik und Religion

Der Wirtschaftsinformatiker Dominik Steiner sieht in der Digitalisierung einen Grund für solche Scherben-Erfahrungen. Er plädierte jedoch gleichzeitig dafür, solche Erschütterungen wie die Digitalisierung auch als Chancen zu sehen. Trotzdem ist ihm wichtig, die Verlierer nicht aus dem Blick zu verlieren. Sichtbar wird hier, dass Entwicklungen wie die Digitalisierung aber auch Systeme wie der Kapitalismus sowie die individuellen Freiheiten zum einen viel Gutes schaffen, aber eben auch Scherben produzieren.


Adrian Wüthrich, Präsident des Gewerkschaftsdachverbands Travail.Suisse, verweist auf gesellschaftliche Prozesse und darauf, dass verbindende Institutionen wie etwa eine freiwillige Feuerwehr heute stark an Bedeutung verloren haben. Schliesslich schildert die Seelsorgerin Michaela Zurfluh aus Kriens, wie sie Scherben erfährt, wenn etwa Menschen ihre Trauer nur noch privat leben und auf Rituale wie Öffentlichkeit bei Abdankungen verzichten wollen:

„Menschen verschwinden aus unserer Gemeinde, ohne dass wir Abschied nehmen können. Sie existieren einfach nicht mehr.“


Schattenseiten von Freiheit und Vielfalt

Christina Sasaki von «ethik22», erklärte anhand der Forschung des US-amerikanischen Soziologen Robert Putnam, dass Vertrauen in Mitmenschen sinkt, je stärker unterschiedliche Menschen im gleichen Umfeld zusammenleben. Dabei nimmt nicht nur das Vertrauen in jene, die anders sind, ab, sondern auch in jene, die gleich sind, sowie in Regierungen, Medien und Kirchen. Einzig der Konsum von Fernsehen und digitaler Unterhaltung nimmt dabei zu. Die Erfahrung von Scherben ist also im Nah- wie Fernbereich nichts Aussergewöhnliches.


Conversatio – Leben teilen

Das Auseinanderbrechen muss aber nicht unaufhaltsam und endgültig sein. Bereits Putnam zeigt, dass Beziehungen wie Leim in einer vielfältigen und häufig auch zerbrochenen Welt wirken. Alle Formen von echten Beziehungen zu Gleichen wie auch Andersartigen können neues Vertrauen schaffen. Und dieses neue Vertrauen vermehrt sich als Basis für mehrere vertrauensvolle Beziehungen.


Die amerikanische Journalistin Krista Tippett verweist in diesem Zusammenhang – wie Christina Sasaki weiter ausführte - auf die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs Konversation. Heute bedeutet der Begriff "miteinander im Gespräch sein", ursprünglich hingegen meinte er das Teilen von Leben, insbesondere unsere tieferen Wahrheiten. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum in einem Betrieb – wie Dominik Steiner erzählte - nicht die Arbeitszeit, sondern das gemeinsame Kaffee und Gipfeli zu Beginn des Arbeitstages als Qualitätszeit wahrgenommen und auch gepflegt wird.


…und wenn es nicht klappt?

Kommt kein Dialog und keine conversatio zu Stande, bleiben gleichwohl Handlungsoptionen. In Anlehnung an Dietrich Bonhoeffer, der für seinen Widerstand im Nationalsozialismus hingerichtet wurde, besteht eine Möglichkeit darin, Widerstand zu leisten und so zu zeigen, dass Dialog verunmöglicht wird. Aber auch der Rückzug bietet sich an. Oder es gilt einfach, die Situation auszuhalten und bewusst das Leben in der Spannung zu leben, dass im Moment keine conversatio möglich ist und doch die Hoffnung darauf nicht aufgegeben wird.

In solchen Momenten braucht es auch Menschen, die sich für andere engagieren. "Wir sind Kümmerer." erklärte Adrian Wüthrich die Funktion von Travail.Suisse angesichts des Wunsches nach Beziehungen und Sorge für die Benachteiligten. Auch gute Politikerinnen – so Wüthrich – brauchen häufig viel Geduld, wenn sie in gewissen Momenten das Vertrauen der Bevölkerung verlieren und sich trotzdem weiter für die Gesellschaft engagieren.


Raum und Zeit

„Es braucht einiges an Zeit, z.B. das Wandern oder der Abend am Lagerfeuer, bis Jugendliche parat sind, sich selber zu sein, von sich zu erzählen und damit echte Beziehung zu wagen.“ erzählt Michael Zurfluh aus ihrer Arbeit als Begleiterin von Jugendgruppen. Auch diese Tagung liess erleben, dass es Räume braucht, wo die Menschen aufeinander zu gehen können. Dieser Raum bietet auch Zeit, sich zu öffnen und das Risiko einzugehen, etwas vom eigenen Leben mit andern, ob gleich oder fremd, zu teilen. Alle stimmten zu, dass wenn wir Leim in einer Gesellschaft sein wollen, wir keine Alternative haben, Verbindungen zu anderen Menschen zu schlagen. Dazu braucht es Mut. Diesen zeigten die Teilnehmenden, öffneten sich und teilten Scherben, Bedürfnisse und Träume.

Team «ethik22»


*Die neuste Ausgabe von «ethik22 – das Magazin» widmet sich diesem Thema: Sozialer Zusammenhalt in Verbindung mit einem Bürgerdienst für alle.


 

 ethik22: Institut für Sozialethik

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